by Mira – nachhaltig Leben und Genießen

Kolumne: Lasst uns ohne Erwartungen 30 Jahre alt werden

Vor einigen Monaten saß ich wieder einmal zur Kontrolle bei meiner Frauenärztin. Seit acht Jahren gehe ich zu ihr und fühle mich noch immer sehr wohl in ihren Händen. Den Smalltalk könnte sie sich allerdings sparen. Vielleicht ist es obligatorisch, dass man als Frauenarzt bzw -ärztin die Patientin auf ihre biologische Uhr aufmerksam macht, und sie jedes mal erneut fragt, wie es mit der Familienplanung aussieht. Ich würde ihr am liebsten ins Gesicht sagen: „Das geht Sie einen scheißdreck an!“. Aber stattdessen grinse ich verlegen und sage „das hat noch Zeit“.

Abgesehen davon quetscht sie mich auch gerne zu meiner finanziellen Situation aus. „Arbeiten Sie noch immer Teilzeit?“ „Geht sich das dann überhaupt aus? Alleine die Mieten in Wien sind doch schon recht teuer…“ Solange ich die Rechnung für diesen Arztbesuch bezahlen kann, muss Sie sich keine Sorgen machen, denke ich. Sagen tu ich: „Ja, das geht sich schon aus. Ich habe nicht so viele Ausgaben.“ Und damit gemeint ist: ich habe mich der Konsumgesellschaft abgewendet, führe einen anti-materiellen Lebensstil, habe kein Auto, kein Haustier, kein Kind, sondern nur einen veganen Bio-Bauch zu füllen. Aber ihr das zu erklären sprengt mein persönliches Mitteilungsbedürfnis. Ich bekomme hingegen eine Erläuterung, dass das Leben nicht nur aus Arbeit besteht und es sich auch lohnt Geld zu haben um es für tolle Dinge auszugeben. Spätestens jetzt weiß ich, dass ich mit meinem Teilzeitjob zumindest diesbezüglich auf der richtigen Seite bin, denn immerhin habe ich Zeit für tolle Dinge, das Geld ist meiner Meinung nach nebensächlich. Denn was nützt mir ein finanzieller Wohlstand, wenn ich keine Zeit habe ihn abgesehen von materiellen Dingen zu nutzen. Ich versuchen das Gespräch abzuwürgen, rede etwas davon dass ich all mein Geld für das Reisen spare und mich das sehr wohl glücklich macht. Irgendwann sprechen wir über Brasilien und dann ist der Arztbesuch auch schon wieder vorbei.

Ich bin jetzt 30, gesund, gerade im richtigen Alter um Kinder zu bekommen, aber laut meiner Ärztin habe ich offensichtlich nicht die finanziellen Mittel dazu. Abgesehen davon, dass ich es nicht leiden kann wenn mich (fremde) Personen aufs Kinderkriegen ausquetschen, finde ich es respektlos Behauptungen über einen Lebensstil aufzustellen, auf den man keine Einsicht hat. Meine Frauenärtzin ist eine ganz eine Liebe, sie dient hier nur als Beispiel für viele Menschen in meinem Umfeld, die mich regelmäßig darüber belehren wollen, wie ich zu leben habe.

Und ich, ich tappe immer wieder in die selbe Falle. Von einer Ausrede in die Andere versuche ich meinen Lebensstil zu rechtfertigen. Nur selten sage ich: hier fühle ich mich wohl. Denn so ist es, ich habe wegen meines sehr einfachen Lebensstils kaum große Ausgaben und kann deshalb von meinem Teilzeitjob gut leben (ich behaupte nicht, dass er gut bezahlt ist!) und auch Geld davon wegsparen. Was die wenigsten im meinem Umfeld wissen ist, dass ich nicht nur Teilzeit arbeite, sondern auch selbstständig bin und genau das versuche ich den meisten zu verschweigen. Weil ich dann erst recht wieder erklären muss, wie viel ich da verdiene und wie man als Bloggerin überhaupt an Geld kommt. Versteh mich nicht falsch, ich erkläre das gerne, in den meisten Fällen sind es aber sehr oberflächliche Gespräche, wenn es um Geld und Jobs geht.

Fotos von PIXELLICIOUS.AT

Warum müssen wir uns generell über Berufe und Arbeit immer so identifizieren? Warum ist es wichtig zu wissen, mit was unserer Nachbar seine Miete bezahlt? Natürlich, es ist ein guter Ice Breaker, weil oft findet man Gemeinsamkeiten oder zumindest irgendwo eine Überschneidung im Leben. „Hey, was du bist Arzt? Cool, ich wollte schon immer wissen, was dieser Ausschlag hier an meinem Oberarm bedeutet!“ Aber sind wir uns ehrlich, wir definieren uns durch so viel mehr als durch unser finanzielle Einnahmequelle. Ich würde mich eher über meine Arbeit rund um meinem Blog definieren, weil ich hier voll und ganz meine Ideen verwirklichen kann und zu 100% dahinter stehe. Aber solang ich damit nicht mein Leben finanzieren kann, hat es keine Bedeutung für die Definition meines Individuums in der Gesellschaft. 

Lasst uns unsere Gesellschaft neu gestallten. Lasst uns verschiedene Lebensstile tolerieren. Lasst uns den Druck nehmen Karriere zu machen. Lasst uns nicht von unseren Finanzen definieren. Lasst uns Frauen mit der ständigen „Familienfrage“ in Ruhe. Lasst uns ohne Erwartungen 30 Jahre alt werden. Lasst uns die Freiheit unser Leben so zu gestallten, wie wir es gerne hätten. 

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4 comments so far.

4 Antworten zu “Kolumne: Lasst uns ohne Erwartungen 30 Jahre alt werden”

  1. Müsli sagt:

    Mira, das ist ganz wunderbar geschrieben.
    Danke

  2. Paula Deme sagt:

    Liebe Mira!

    Ich bewundere deine Geduld, ich hätte sie nicht. Kenne ich doch die Stimmen aus der Gesellschaft nur zu genüge. Ich bin nun 36 Jahre alt und will keine Kinder. Wollte ich noch nie. Keine Uhr die tickt. Mir mir muss ja was nicht stimmen. Stimmt. Ich bin gern ungebunden und frei. Ich liebe Kinder, sonst könnte ich nicht als Gruppenleitung in der Kita arbeiten. Aber zuhause will ich dann bitte meine Ruhe! Auch die ständigen Gespräche um den Beruf nerven. Als ob man sein Beruf wäre, und sonst nichts vorzuweisen hat.

    Lass dich nicht verunsichern oder ärgern. Wir wissen am besten was uns gut tut.

    Liebe Grüsse aus Zürich,

    Paula

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