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Auslandssemester Brasilien: ein Zwischenbericht {3 Monate}

OLYMPUS DIGITAL CAMERANach meinem letzten Update vor immerhin zwei Monaten ist es nun mal wieder Zeit ein kleines Resümee zu ziehen. Ein Auslandssemester in Brasilien zu machen stand seit ich zu studieren begonnen habe immer auf meiner To-Do-Liste. Und obwohl das vor mittlerweile 5 Jahren war, habe ich es erst heute mit 26 in meinem Master Studium geschafft. Wenn ich es nie gemacht hätte, hätte ich es mir ewig vorgeworfen. Es musste sein, das weiß ich auch jetzt noch immer und bin froh über meine Entscheidung. Aber wie geht es mir dabei tatsächlich?

Hand aufs Herz; ich habe mir hier einiges anders vorgestellt. Der romantische Gedanke in einer Universitätsstadt direkt bei Rio zu studieren, nach der Vorlesung an den Strand zu fahren um dort noch zu chillen, viel über Brasiliens Geschichte zu lernen, herum zu reisen und fließend Portugiesisch zu sprechen, entspricht irgendwie nicht so ganz der Realität. In Niterói gibt es zwar einen Strand, aber der ist viel zu verdreckt und stinkt nach totem Fisch, die Romantik hört sich mit einem Kokoswasser sitzend auf einer Bank mit Blick zur Bohrinsel, die sich direkt vor Rios Küste befindet, auf. Aber wie sieht‘s denn mit dem ganzen Rest aus?

OLYMPUS DIGITAL CAMERASprache

Ich bin echt richtig, richtig langsam im Sprachen lernen, aber ich habe nach drei Monaten schon tatsächlich Fortschritte gemerkt. Nach dem ich meinen Kurs in Rio aufgegeben habe, weil er sich mit seiner langen Anreise einfach nicht rentiert hat, habe ich nun nur noch zwei Mal die Woche meinen Kurs auf der Uni. Aber den mag ich richtig gern. Meine Professorin ist super abwechslungsreich und extrem bemüht, ich glaube ich habe noch nie einen besseren Sprachkurs erlebt. Nebenbei habe ich eine super Tandempartnerin kennen gelernt, mit der ich mich einmal die Woche getroffen habe um bei viel Bier Deutsch und Portugiesisch zu reden. Ja, irgendwie funktioniert das Sprechen mit Alkohol immer viel besser. Da mich meine Tandempartnerin aber verlassen hat (sie ging zu ihrem Freund nach Südtirol), musste ich mich nach jemanden Anderen umschauen und schwupps diwupps hab ich auf der Uni eine Mädl kennen gelernt, das unbedingt mehr Deutsch reden möchte. Seit letzter Woche trink ich also mit ihr Bier. Und Tandem macht wirklich Spaß, das kann ich nur jedem ans Herz legen, der seine Sprachkenntnisse verbessern möchte. Ich spreche zwar noch immer nicht wirklich gut Portugiesisch, aber schon so viel besser, als es davor war. Zumindest habe ich dieses eine Ziel erreicht und darauf bin ich echt stolz.

auslandsseemster-zwischenbericht-2-floorUniversität

Mittlerweile habe ich den einen Kurs abgeschlossen, der mich ohnehin nicht interessiert hat. Ich war irritiert von der politischen Struktur die der Kurs annahm. Auf der Uni Wien habe ich gelernt Politik aus der Uni draußen zu lassen, da man als Historikerin sonst zu beeinträchtigt sei und immer so kritisch wie möglich an das Studium heran gehen soll. Hier In Brasilien herrscht genau das Gegenteil. Ich habe mir sagen lassen, dass die UFF (die Uni auf der ich hier in Brasilien studiere) sehr marxistisch und trotzkistisch geprägt ist. Das ist auch in Ordnung, jedem das seine, aber ich mag nicht dass es einem aufs Auge gedrückt wird und dass ist mir in dem einem Kurs extrem auf gefallen. Ich habe einmal ein negatives Kommentar über einen Text von Trozky ausgesprochen und meine Professorin war dann richtig beleidigt und von allen anderen Studierenden wurde ich nur doof angeschaut. Der Kurs hat dann mit einer kleinen kommunistischen Parteiwerbung geendet, wo ich mich so unwohl gefühlt habe, dass ich am liebsten den Saal verlassen hätte. Aber das ist jetzt Vergangenheit und wieder ein Grund mehr die Uni Wien zu schätzen. Mein neuer Kurs ist übrigens richtig klasse, so klasse, dass ich mir wünsche, er wäre auf Deutsch, denn ich verstehe leider nur die Hälfte bzw. ich interpretiere, das kann ich nämlich am besten auf Portugiesisch.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAVegetarier sein

Ich gebe zu, ich habe Fleisch gegessen, aber nicht weil ich so geil danach war, sondern es ist irgendwie einfach passiert. Mehr oder weniger. Beim ersten mal wie es „passiert“ ist, war ich mit meiner Mutter (die mich gerade besuchen war) nach einer anstrengenden Wanderung in einem kleinem Lokal irgendwo im Nirgendwo essen. Wir bestellten einen Tagesteller, mit der Idee, ich könne ja die vegetarischen Beilagen essen, während meine Mutter das Fleisch isst, das hier ja obligatorisch ist. Dass wir dann aber einen Teller mit einem Gemisch aus Bohnen, Würsten und Faschiertem serviert bekamen, mit dem hatten wir nicht gerechnet. Also half ich meiner Mutter den Teller auf zu essen.

Beim zweiten Mal bestellte ich eine Bohnensuppe und wollte sicher sein, dass sie auch vegetarisch ist. Also fragte ich den Kellner, ob eh kein Fleisch drinnen ist und er versicherte mir, dass nur Bohnen und Knoblauch drinnen sei, sonst nichts. Tja, Speck zählt in Brasilian wohl nicht zu Fleisch und deshalb habe ich auch mit dieser vegetarischen Suppe mein Vegetarier-sein zu Nichte gemacht. Und nein, zurück schicken ist für mich keine Option, da die Suppe dann mit höchster Wahrscheinlichkeit weggeschmissen werden würde und das wäre meiner Meinung nach kontraproduktiv.

Und dann habe ich auch noch Fisch gegessen in Paraty, weil es einfach zu wenig vegetarische Optionen gab…

Meine vegetarischen Superkräfte hätte ich jetzt laut „Scott Pilgrim vs. The World“ schon verloren, aber das ist okay. Ich wusste dass es in Brasilien nicht einfach ist und es ist ja auch nicht so, dass ich mir im Supermarkt absichtlich einen Kilo Extrawurst bestellt hätte.

OLYMPUS DIGITAL CAMERANachhaltig leben

Was mich hier wirklich traurig und wütend macht, ist der Umgang der Brasilianer mit ihrer Umwelt. Müll wird hier einfach auf die Straße geschmissen, während dem Auto fahren oder einfach während dem Spazieren gehen. Müll befindet sich eigentlich überall, nur nicht in den Mülltonnen. Am Strand ist alles voll damit, die Guanabara Bucht, in der sich ja auch Rio befindet ist so verdreckt, dass hier niemand Baden geht. Die Regierung versucht zwar, das Wasser hier bis zu den Olympischen Spielen sauber zu bekommen, aber was passiert danach? Als ich in Paraty eine Bootstour gemacht habe, habe ich gesehen wie ein Mitarbeiter vom Boot das Wasser versucht hat mit Spülmittel sauber zu bekommen. Ohne Witz, der hat einfach Spülmittel ins Meerwasser gekippt, damit der Ölfilter weg ist. Mir scheint fast so, also würde es so etwas wie Umweltbewusstsein hier nicht geben. Mir ist zwar auch Bewusst, dass es in Brasilien größere soziale und politische Probleme gibt, und dass Umwelt wahrscheinlich irgendwo an letzter Stelle erst kommt, aber das ist doch trotzdem kein Grund, sein Kaugummipapier einfach am Gehsteig fallen zu lassen.

Fakt ist, ich werde Brasilien nicht ändern können, aber ich kann meinen kleinen (winzigen) Beitrag leisten und das versuche ich auch. Ich passe mich nicht mit 100 gratis Plastiksackerl an der Supermarktkassa an, ich schmeiße meinen Müll dorthin, wo er hin gehört, ich verzichte auf Fleisch, dass hier einfach viel zu billig in Massen und in schlechter Tierhaltung „produziert“ wird, ich achte bei meinem Einkauf auf die Herkunft und Produktion. Letztens bin ich sogar bei den Kosmetikprodukten fündig geworden. Ich habe ein Naturkosmetik Haarshampoo made in Brazil gefunden,  dass keine Tests an Tiere durch führt. Ein kleines Erfolgserlebnis.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAReisen

Meine letzten Reisen sind mittlerweile schon fast ein Monat her. Ich war mit meiner Mutter in Ouro Preto und Paraty unterwegs und habe es richtig genossen. Einfach abschalten, Urlaub genießen, gut Essen, Frühstücksbuffets, heiße Duschen (nein, ich habe keine heiße Dusche in meiner Wohnung) und natürlich gute Gesellschaft. Das war irgendwie Luxus pur und da habe ich auch erkannt, dass Brasilien super ist, zum Reisen. Um Tocotronic zu zitieren: „Aber hier leben nein danke“. Das Land in das ich mich vor drei Jahren so verliebt habe, ist Brasilien und ich liebe es noch immer. Aber ich bin keine Brasilianerin. Ich bin Österreicherin durch und durch. Ich bin organisiert, ich bin gestresst, ich bin pünktlich, ich habe nie viel Zeit und ich hasse es zu warten. Natürlich wusste ich welche Kultur mich hier erwartet. Aber diese Kultur ist für mich eben nur etwas für den Urlaub. Weil dann habe ich alle Zeit der Welt, kann hundert Stunden an der Supermarktkassa warten, dann stört es mich nicht, wenn der Professor erst eine halbe Stunde später den Kurs beginnt und dann kann ich einfach das Land in vollen Zügen genießen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERADas hört sich alles total negativ an und scheint jetzt wahrscheinlich nicht viel Spaß zu sein. Dieses Auslandssemester habe ich mir ausgesucht und ich habe gewusst, dass ich es machen muss. Ich musste es einfach ausprobieren, und deshalb bin ich mir deswegen auch nicht böse, dass ich es gemacht habe. Nein im Gegenteil, ich bin darüber froh und ich mache das Beste aus dieser Zeit hier. Ich genieße die schönen Seiten von Brasilien, die Landschaft, die exotischen Tiere (OMG ich habe eine Faultierfamilie in freier Wildbahn beobachtet) und Pflanzen und natürlich die Kultur. Das alles genieße ich sehr. Ich freue mich über meine portugiesisch Kenntnisse und mein Wissen das ich in der Brasilianischen Geschichte vertiefen konnte, ich bin Dankbar für die tollen Bekanntschaften die ich machen durfte und die herzlichen offenen Brasilianer, die einfach alle viel zu nett sind.

Es hört sich fast so an, als wäre schon alles vorbei, aber eigentlich stehen noch zwei weitere Monate vor mir. Ich habe schon sehr viel gelernt, neben all den Erfahrungen, die ich soeben aufgezählt habe, kommt dazu dass ich wieder einmal viel mehr schätzen kann, wie gut es uns eigentlich in Österreich geht. Ich glaube, dass checken einfach noch die wenigsten (wenn man an die vergangene Wahl denkt). Uns geht es so unfassbar gut. Ich muss hier gar nicht über die sozialen oder politischen Probleme anfangen zu sprechen. Sondern es können auch schon witzige Gewohnheiten sein, die es hier in Brasilien einfach nicht gibt. Geschirrspüler, Waschmaschine mit heißem Wasser (ja, meine Kleidung wird seit drei Monaten mit kaltem Wasser gewaschen…), Staubsauger, heißes Wasser in der Dusche, ein Lattenrost, gute öffentliche Verkehrsmittel, um nur ein paar Kleinigkeiten zu erwähnen. Österreich ist ein Land des Luxus und das vermiss ich schon ein klein wenig. 

Habt ihr auch schon ähnliche Erfahrungen im Ausland sammeln können? Ich freu mich über euer Berichte!

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2 Comments

  • Reply muesl Juni 9, 2016 at 7:20 am

    „Mein neuer Kurs ist übrigens richtig klasse, so klasse, dass ich mir wünsche, er wäre auf Deutsch,…“
    HUUUHUHUHAHHAA. schön!

    und ananannnas! fall mir nicht vom fleisch und superpower bekommst du nur wenn du vegan lebst. sorry. aber immerhin hast du dann auch keine verloren.

    komm doch nach Hamburg. da lebt es sich ziemlich luxus mit tausend vegan krams gedöns.
    hiphip hurrah!

    • Reply Mira Juni 9, 2016 at 8:52 pm

      ich ess eh genug Schokolade, keine Sorge. Jeden Tag mindestens eine Tafel. Deckt meinen kompletten Tagesbedarf an… Nahrung.
      Oh wie gerne komme ich dich in Hamburg besuchen, aber du bist ja nie da, wenn ich Zeit habe. Bzw. bin ich nie da, wenn du Zeit hast. Eine Miserie.

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