Brasilien, GREEN LIFESTYLE

5 Dinge die ich in meinem Auslandssemester in Brasilien gelernt habe

OLYMPUS DIGITAL CAMERAHui, wie schnell die Zeit vergeht. Jetzt ist es fast schon ein Jahr her, als ich mich in das Flugzeug nach Rio gesetzt habe. Für mich war das damals ein extrem wichtiger Schritt dieses Auslandssemester endlich zu machen und obwohl ich einige Bedenken hatte, habe ich es schlussendlich durchgezogen und darauf bin ich echt stolz. So ein Auslandssemester mag echt eine geile Erfahrung sein, wenn man Anfang 20 ist, keinen Freund hat und Kontakte auf der ganzen Welt knüpfen möchte. Mit meinen 26 Jahren, Freund zuhause (den man ziemlich vermissen würde) und eigentlich schon genug Kontakte auf der ganzen Welt in meinem Leben gemacht, waren die klassischen Reize eines Auslandssemesters irgendwie nicht relevant für mich. So doof es sich anhört, aber das Auslandssemester war für mich wirklich nur relevant für mein Studium und genau deshalb wollte ich es machen. Wer meine Zwischenberichte verfolgt hat, wird bemerkt haben, dass die Universität in Niterói mir nicht sonderlich viele neue Einblicke in die Geschichte Brasiliens geben konnte, wie ich eigentlich erhofft hatte. Trotzdem habe ich einiges gelernt in den fünf Monaten in diesem fernen Land.

Dieses Auslandssemester habe ich mir so lange herbei gewünscht und es wäre einfach schade gewesen, wenn ich es nie erlebt hätte. In einem fremden Land zu leben war nichts neues für mich. Immerhin habe ich schon fünf Monate in Portugal verweilt und auch jeweils zwei Monate in Irland, Deutschland und Brasilien verbracht. Einen großen Unterschied gab es aber diesmal. Ich war hier vollkommen auf mich alleine gestellt, und hatte, nicht wie bei allen anderen Aufenthalte, Kontakt zu anderen Ausländern. Das ist ein riesen Unterschied, vor allem wenn man denkt, dass ich als Ausländerin in dieser Kleinstadt aufgefallen bin wie ein bunter Hund. Nicht mal ansatzweise hätten mir Leute abgenommen, dass ich Brasilianerin wäre. Ich habe also sehr viel gelernt in diesem Auslandssemester, nicht etwa auf der Uni, sondern im Leben.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA1) Zu spät kommen

Schon in meiner Kindheit bin ich oft mit dem Problem konfrontiert worden, dass ich zu Elternsprechtagen, Schulevents, Geburtstagsfeiern und ähnlichen Treffen zu spät kam. Das lag natürlich nie an mir, sondern an meiner Mutter, die gerne länger gebraucht hat, bis sie sich ins Auto gesetzt hat. Mir war so ein Zuspätkommen immer extrem unangenehm und deshalb entwickelte ich genau das Gegenteil heraus. Seither komme ich eigentlich überall hin immer viel zu früh. Ich erinnere mich an Vorstellungsgespräche bei denen ich eine halbe Stunde einfach nur doof im Büro herum gesessen bin, während der Chef neben mir noch Mittagspause machte. Ich erinnere mich an Tage wo ich einfach eine Stunde zu früh auf der Uni war, und dass zu einer Uhrzeit, wo noch nicht mal die Toiletten aufgesperrt waren. Ich erinnern mich ans Warten, an sehr viel warten. Ans warten hatte ich mich einfach immer schon gewöhnt und es störte mich nie, denn ich hatte eigentlich immer die Sicherheit dass ich pünktlich dran kommen würde. Das Vorstellungsgespräch, der Arzttermin, die Vorlesung, das Treffen mit der Freundin. Ja, alle sind pünktlich und darauf ist Verlass! Auf der Uni erlebte ich es sogar oft genug, dass einfach schon 10 Minuten früher mit dem Vortrag gestartet wurde, mit der Ausrede auf die „österreischiche Pünktlichkeit“. In Brasilien habe ich das ganz anders kennengelernt. Natürlich kannte ich dieses Temperament schon von meiner Mexikoreise (eine mexikanische Minute, kann mit einer halben Stunde umgerechnet werden), aber wenn man mal in so einem Land nicht auf Urlaub ist, sondern tatsächlich dort lebt, erfährt man diesen Umgang mit Zeit  ganz anders. Auf der Uni realisierte ich das am meisten. Die Kurse waren eigentlich alle auf drei Stunden angesetzt, schlussendlich hatte man aber nicht mehr als zwei Stunden effektiv genutzt. Es beginnt damit, dass die Professorin eigentlich immer eine halbe Stunde zu spät kam. Ich saß anfangs einfach oft eine Stunde alleine im Vorlesungsraum und wunderte mich, ob man den Kurs vielleicht auf einen anderen Raum verlegt hätte, ohne dass ich es mitbekommen hätte. Aber so war es natürlich nicht. Halbe Stunde nach offiziellem Start trudelten irgendwann die anderen StudentInnen ein und schließlich die Professorin. Nach einer Stunde Unterricht gab es dann eine halbe Stunde Pause, bis es wieder weiter ging. Auch bei Treffen mit BrasilianerInnen  musste ich bald einsehen, dass meine österreichische Pünktlichkeit weder mir noch meiner Freundin etwas bringen würde, also musste ich mich dazu zwingen zu spät zu kommen. Da meine Uni gleich ums Eck war trainierte ich mir an, immer erst das Haus zu verlassen, wenn der Kurs eigentlich schon starten würde. Und der Plan ging auf. Ich kam sogar ab und zu zuspät und da musste ich mir dann sogar auf die Schulter klopfen!

OLYMPUS DIGITAL CAMERA2) die Liebe zum Sport

Sport fand ich in meinem Leben immer sehr schwierig. Ich grauste mich vor dem Sportunterricht, ging nie gerne Laufen und die USI Kurse, für die ich mich immer total motiviert eingeschrieben habe, brach ich nach spätestens dem zweiten Besuch ab. Yoga hatte ich zwar schon vor einiger Zeit für mich entdeckt, aber mehr als einmal die Woche habe ich es dann doch nie geschafft und wollte mir auch nie dafür Zeit nehmen. In Brasilien ist dann aber folgendes passiert: Ich hatte plötzlich unendlich viel Zeit! In den ersten zwei Monaten besuchte ich nur zwei Kurse auf der Uni und die restliche Zeit verbrachte ich mit ein bisschen Sightseeing und Bier trinken. Ich sah bald ein, dass es sich nicht lohnen würde den Tag mit Netflix im Bett zu verbringen, also kaufte ich mir eine Yogamatte, die beste Investitionen, die ich in Brasilien tätigte. Ich begann mit einmal am Tag Yoga mit Mady Morrison, mein absolut liebster Youtube-Yoga-Kanal. Jeden Tag ein anderes Programm und dann wieder von vorne. Als mir das dann zu wenig wurde, hing ich nach jeder Einheit immer noch Situps und Kniebeugen an, oder kombinierte mit anderen Homeworkouts auf Youtube. Ich bekam richtig Lust an Sport und verstand plötzlich nicht, warum ich das nicht schon immer machte. Schlussendliche machte ich jeden Tag eine Stunde Sport und das über fast fünf Monate hinweg. Als ich dann natürlich in Österreich zurück war hörte sich das alles leider wieder auf. Mit neuer Wohnung, neuer Routine fängt meine Motivation nun wieder an. So schaffe ich es zumindest fünf Mal die Woche wieder Yoga zu machen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA3) das minimalistische Leben

Aus dem Koffer leben, keine neue Kleidung kaufen, nur das nötigste an Lebensmittel kaufen. Das Alles sind Anzeichen für ein sehr minimalistisches Leben. Anfangs viel es mir schwer so ganz ohne die Abwechslung zu leben, die ich zu Hause hatte. Einen prall gefüllten Kühlschrank, immer etwas zum snacken drinnen und einen Kasten der mit seiner Kleidung aus allen Nähten springt, viel zu viel Kleidung die man nie in einem Monat tragen könnte. Aber dafür hat man eben auch viel Abwechslung. Ein halbes Jahr kaufte ich mir genau ein einziges Kleidungsstück, legte keinen Schmuck mehr an und führte immer wieder die gleichen Outfitkombinationen aus. Der Vorteil; ich musste nicht mehr so lang vor dem Kleiderschrank stehen und nachdenken. Ich wusste meistens schon am Vortag, welche Option mich am nächsten Tag erwarten würde. Aber das machte mich auf keinen Fall unhappy. In meinem Umfeld war es jedem egal was ich anhatte. Ohnehin trägt man in Brasilien eher simple Kleidung und am liebsten Flip Flops zu jeder Tages- und Nachtzeit. Mit meinen bunten europäischen Outfits wäre ich ohnehin nur negativ aufgefallen und das wollte ich in einer Kleinstadt wie Niterói sowieso nie. Ich fing an Gefallen an diesem Minimalismus zu finden. Zuhause wieder angekommen, kann ich endlich radikal meinen Kleiderschrank ausmisten, kaufe ich noch weniger Kosmetik und Kleidung ein, als ich ohnehin davor schon kaufte. Und meine Lebenseinstellung wurde dadurch definitiv geprägt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA 4) Zeit richtig zu managen

Nicht nur das Zuspätkommen war Teil meiner zeitlichen Lernkurve, sondern auch generell ein gutes Zeitmanagement. Im Winter geht in Brasilien (so wie bei uns auch) um 17:30 die Sonne unter, der Unterschied zu Österreich ist allerdings, dass es dann nicht mehr ganz so sicher auf den Straßen ist (mal Abgesehen von den touristischen Hotspots), vor allem als Frau. Also erledigte ich all meine Dinge die ich zu erledigen hatte früh genug. Der nächste Supermarkt war zu Fuß 20 Minuten entfernt. Ich hätte natürlich auch den Bus nehmen können, aber da ich ohne hin nie viele Fußwege hatte, entschied ich mich jedes Mal den Weg ohne Öffis zu beschreiten. An der Kassa war meistens  mit einer guten halbe Stunde Wartezeit zu rechnen.  Deshalb konnte man sich für so einen Einkauf ca eineinhalb Stunden einplanen. Das ganze machte ich dann zwei Mal die Woche. Ich schrieb akribisch genaue Einkaufszettel und dabei musste ich natürlich schon wissen, was ich die nächsten drei Tage kochen würde. Ich musste auch auf das Gewicht achten, damit ich nicht zu viel zu tragen hatte. All das spielte eine wichtige Rolle in meinem Zeitmanagement. Wenn ich heute drüber nach denke, hört sich dieses Verhalten fast krankhaft an. Aber ich fühlte mich richtig wohl mit dieser Organisation und es hilft mich auch jetzt dabei Einkäufe besser durch zu planen, um unnötige Käufe zu vermeiden.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA5) Ausländerin zu sein

Ich hatte noch nie ein Problem mich nicht integrieren zu können, schließlich bin ich Österreichische Staatsbürgerin, in Graz aufgewachsen und schließlich in Wien „sesshaft“ geworden. In Portugal galt ich als die „exotische“ mit blonden Haaren (damals war ich tatsächlich Wasserstoffblond) und kam allein dadurch mit vielen Menschen ins Gespräch. Als Touristin habe ich erlebt, dass Menschen  oft viel offener auf mich zugehen als zuhause. Sie wollten viel von meiner Kultur lernen und ich von ihrer. Es war ein Austausch von beiden Seiten, aber man sucht sich schließlich seine Gesprächspartner meistens nach der Sprachkompetenzen aus. Dieses Mal war alles anders, ich kam in eine Stadt nach Brasilien in der kaum jemand Englisch sprach. Ich war plötzlich von den wenigen Brocken Portugiesisch abhängig, die ich nach vielen Jahren zusammen getragen hatte. In Niterói gibt es keine Touristen, es gibt nur Studenten und eben die die nicht studieren. Als Österreicherin viel ich dort auf wie ein bunter Hund. Nicht nur durch meine helle Haut, auch durch meine Kleidung, meinen schnellen Gang und meine Sprache. Meine brasilianische Mitbewohnerin hat mir immer geraten, gewisse Straßen oder Bezirke zu meiden, da ich mit meiner hellen Haut sofort ausgeraubt werden würde. Ob so was tatsächlich passiert wäre ist natürlich noch immer fragwürdig, aber ich habe es zumindest nie so weit kommen lassen. „Estrangeira“ (Ausländerin) wurde ich so oft wie noch nie in meinem Leben bezeichnet, und auch wenn es eher ein Kosenamen für viele Brasilianer ist, wie etwa auch „Gringo“, fühlt es sich nach einer Zeit einfach beschissen an. Ich wurde vorgestellt, als „die Ausländerin“ und man sprach über mich in der dritten Person, als wäre ich nicht anwesend, und als würde ich Nichts von dem verstehen, was geredet wurde. Das passierte mir sogar mit den Leuten, mit denen ich sehr eng war, aber es gibt einfach keine Sensibilisierung für dieses Wort in Brasilien. 

Kulturell habe ich noch so viele andere Dinge gelernt, die auch relevant wären sie hier zu erwähnen, aber schließlich muss es hier irgendwo ein Ende geben, deshalb höre ich jetzt auf in meinen Erinnerungen zu schwelgen. Brasilien war auf jeden Fall ein Erlebnis wert und ich bin richtig froh, dass ich diese Erfahrungen machen durfte.

 Habt ihr schon mal ähnliche Erfahrungen gemacht? Ich freu mich davon zu lesen!

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2 Comments

  • Reply Tanja Januar 16, 2017 at 2:58 pm

    Ich war ein Jahr in Japan und habe dort im Privatleben ähnliche Erfahrungen zum Thema Pünktlichkeit gemacht. Man kommt irgendwann oder auch mal gar nicht. Das war echt schwer für mich! Zumindest der Nahverkehr in der Uni und im Büro wäre alle pünktlich.

    • Mira
      Reply Mira Januar 16, 2017 at 3:06 pm

      Liebe Tanja,
      ich find’ so was echt interessenat, wie sich da manche Kulturen ähneln und dann wieder welche überhaupt nicht. Wusste nicht, dass das in Japan auch so ein Problem ist.
      Bei den Öffis hatte ich auch nie Schiwrigkeiten, also zumindest sind sie immer pünktlich abgefahren. Meistens kamen sie wegen des unglaublichen Verkehrs einfach mal eine Stunde zu spät am Ziel an…
      Alles Liebe,
      Mira

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